Like-Blog
So interessant können Übersetzungslösungen sein
Warum Like-Blog? Nun, zum einen ist dieser Blog ein Blog, den Sie mögen (und regelmäßig lesen) sollten – zumindest dann, wenn Sie sich für Übersetzungen interessieren. Zum anderen ist das hier behandelte Thema eines, in dem die sinnstiftende Ähnlichkeit zwischen einem Text und seiner Übersetzung im Sprachenpaar Englisch-Deutsch eine zentrale Rolle spielt. Auf dieser Seite diskutiere ich einige interessante Übersetzungslösungen, die mir im Laufe meiner Tätigkeit als Übersetzer und Übersetzungswissenschaftler über den Weg gelaufen sind.
Eine Übersetzungslösung ist immer nur so gut wie die sie stützenden Argumente. Wer also positive oder negative Übersetzungskritik übt, muss diese auch begründen. Wie gut eine Übersetzungslösung ist, erweist sich erst in Relation zu anderen möglichen Übersetzungslösungen in einer gegebenen Übersetzungssituation. Daher sollte ein Übersetzungskritiker oder eine Übersetzungskritikerin nicht nur sagen, warum eine Übersetzungslösung schlecht ist, sondern auch aufzeigen, wie eine bessere Lösung aussehen könnte. Diese Grundsätze der Übersetzungskritik werde ich versuchen zu beherzigen. Das bedeutet auch: Wenn Sie Fragen zu meiner Argumentation haben oder anderer Meinung sind, lassen Sie es mich gerne wissen unter 04171 6086525 oder per E-Mail an bittner@businessenglish-hamburg.de. Doch nun genug der einleitenden Worte. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Trump (September 2026)
Am 29. Mai 2026 erschien auf tagesschau.de ein Beitrag über das Vorgehen der US-Justiz gegen Trump-Kritiker. Der Beitrag beginnt mit einem Zitat:
„,I am your justice. I am your retribution‘ – ,Ich sorge für Gerechtigkeit. Ich werde eure Gegner bestrafen‘. So hatte Trump 2023 auf der CPAC gesprochen, einem internationalen Treffen von Rechtspopulisten.“ Das Zitat aus Trumps Rede vom 4. März 2023 wird allerdings mit Auslassungen wiedergegeben. Eigentlich geht es so: „We’re not a free nation right now. We don’t have free press. We don’t have free anything. In 2016, I declared I am your voice. Today, I add I am your warrior, I am your justice. And for those who have been wronged and betrayed, I am your retribution. I am your retribution. Not going to let this happen. Not going to let it happen. I will totally obliterate the deep state.“
Die deutsche Übersetzung im Tagesschau-Beitrag – „Ich sorge für Gerechtigkeit. Ich werde eure Gegner bestrafen“ – ist zwar im Prinzip korrekt, verharmlost jedoch den stark zuspitzenden Stil von Trump. So wie Trump sich in seiner Rede präsentiert, ist er die personifizierte Gerechtigkeit und Vergeltung für seine Anhänger. Dabei ist nicht ganz klar, ob mit „justice“ tatsächlich die abstrakte Bedeutung „Gerechtigkeit“ gemeint ist oder die besonders im Amerikanischen geläufige konkrete Bedeutung „Richter“ (wie die Nähe zu „warrior“ nahelegt). Für den Sinn der Aussage spielt dies keine Rolle, wohl aber für die Übersetzung. Denn während „Ich bin eure Gerechtigkeit“ so aufgefasst würde wie das Original, verstünde man unter „Ich bin euer Richter“ eher das Gegenteil: dass nämlich Trump seine Anhänger richtet (anstatt jene zu richten, die ihnen Unrecht getan haben).
Angesichts der Tatsache, dass Trump mit seinem personifizierenden Stil seinen eigenen Personenkult befeuert, sollte dieser Stil auch in der Übersetzung beibehalten werden. Denn Trump spricht von sich nicht so halbwegs vernünftig wie es in der Übersetzung bei tagesschau.de den Anschein hat. Ich würde übersetzen: Ich bin eure Gerechtigkeit. Ich bin eure Vergeltung.