Like-Blog
So interessant können Übersetzungslösungen sein
Warum Like-Blog? Nun, zum einen ist dieser Blog ein Blog, den Sie mögen (und regelmäßig lesen) sollten – zumindest dann, wenn Sie sich für Übersetzungen interessieren. Zum anderen ist das hier behandelte Thema eines, in dem die sinnstiftende Ähnlichkeit zwischen einem Text und seiner Übersetzung im Sprachenpaar Englisch-Deutsch eine zentrale Rolle spielt. Auf dieser Seite diskutiere ich einige interessante Übersetzungslösungen, die mir im Laufe meiner Tätigkeit als Übersetzer und Übersetzungswissenschaftler über den Weg gelaufen sind.
Eine Übersetzungslösung ist immer nur so gut wie die sie stützenden Argumente. Wer also positive oder negative Übersetzungskritik übt, muss diese auch begründen. Wie gut eine Übersetzungslösung ist, erweist sich erst in Relation zu anderen möglichen Übersetzungslösungen in einer gegebenen Übersetzungssituation. Daher sollte ein Übersetzungskritiker oder eine Übersetzungskritikerin nicht nur sagen, warum eine Übersetzungslösung schlecht ist, sondern auch aufzeigen, wie eine bessere Lösung aussehen könnte. Diese Grundsätze der Übersetzungskritik werde ich versuchen zu beherzigen. Das bedeutet auch: Wenn Sie Fragen zu meiner Argumentation haben oder anderer Meinung sind, lassen Sie es mich gerne wissen unter 04171 6086525 oder per E-Mail an bittner@businessenglish-hamburg.de. Doch nun genug der einleitenden Worte. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Max und Moritz (November 2026)
Übersetzen ist eine Kunst – besonders dann, wenn der Ausgangstext stilistisch anspruchsvoll ist und der Übersetzer die stilistischen Eigenheiten in der Übersetzung bewahren möchte. Ein Beispiel ist die Übersetzung eines Reimgedichtes unter Beibehaltung von Reim, Metrum und anderen sprachlichen Stilmitteln. Eine solche Beibehaltung ergibt Sinn bei einer Übersetzung vom Englischen ins Deutsche oder umgekehrt, weil Reim und Metrum ihre Wirkung in beiden Sprachen auf sehr ähnliche Weise entfalten.
Wilhelm Buschs Klassiker von 1865, „Max und Moritz“, wurde schon wenige Jahre später ins Englische übertragen. Hier ist das Vorwort – links im Original, rechts in der Übersetzung von Charles Timothy Brooks:
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Vorwort Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen, wie zum Beispiel hier von diesen, welche Max und Moritz hießen; die, anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren, oftmals noch darüber lachten und sich heimlich lustig machten. Ja, zur Übeltätigkeit, ja, dazu ist man bereit. Menschen necken,Tiere quälen, Äpfel, Birnen Zwetschgen stehlen, das ist freilich angenehmer und dazu auch viel bequemer, als in Kirche oder Schule festzusitzen auf dem Stuhle. Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Ach, das war ein schlimmes Ding, wie es Max und Moritz ging. Drum ist hier was sie getrieben, abgemalt und aufgeschrieben. |
Preface Ah, how oft we read or hear of Boys we almost stand in fear of! For example, take these stories Of two youths, named Max and Maurice, Who, instead of early turning Their young minds to useful learning, Often leered with horrid features At their lessons and their teachers. Look now at the empty head: he Is for mischief always ready. Teasing creatures – climbing fences, Stealing apples, pears, and quinces, Is, of course, a deal more pleasant, And far easier for the present, Than to sit in schools or churches, Fixed like roosters on their perches. But O dear, O dear, O deary, When the end comes sad and dreary! ’Tis a dreadful thing to tell That on Max and Maurice fell! All they did this book rehearses, Both in pictures and in verses. |
Was macht diese Übersetzung zu einer guten Übersetzung?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verstehen, wie der Ausgangstext funktioniert. Das Vorwort von „Max und Moritz“ (wie auch das gesamte Gedicht) ist gekennzeichnet durch ein sehr regelmäßiges Metrum (den trochäischen Vierheber, bei dem in jeder Verszeile auf vier betonte Silben jeweils eine unbetonte Silbe folgt) und einen Paarreim (bei dem sich zwei aufeinanderfolgende Zeilenenden reimen). Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens versteht es Wilhelm Busch, mit einem umgangssprachlich anmutenden Schreibstil, einer abwechslungsreichen Syntax und syntaktisch ebenso abwechslungsreichen Zeilenumbrüchen seine Geschichte auf eine verblüffend direkte und zugleich lustige Art zu erzählen.
Charles Timothy Brooks vermag auf geradezu geniale Weise, die durch die oben beschriebenen Stilmittel erzeugten Effekte auch in seiner englischen Übersetzung hervorzurufen. Dies gelingt ihm vor allem dadurch, dass er das Originalmetrum einschließlich der auf eine oder zwei Silben reimenden Zeilenenden sehr genau in den Zieltext übernimmt. Das ist umso bemerkenswerter, als sich für das Englische ohne die im Deutschen häufigen Deklinations- und Konjugationsendungen eher ein jambisches als ein trochäisches Metrum eignet und zweisilbige Reime im Englischen schwerer zu finden sind als einsilbige. So kommt es, dass in der Übersetzung außer zweisilbigen Reimen bestehend aus Verb und Präposition („hear of“, „fear of“ auch eine so überraschende Kombination wie „head: he“ auftaucht, die sich auf „ready“ reimt. Und wenn Wilhelm Busch schon im Übergang von der ersten zur zweiten Zeile eine Nominalphrase auseinanderreißt, indem er Adjektiv und Nomen durch den Zeilenumbruch voneinander trennt, so erzielt Charles Timothy Brooks mit dem einsamen „he“, das durch das Ende der Zeile von dem dazugehörigen Verb „is“ getrennt wird, ein vergleichbares Überraschungsmoment. Auch in Bezug auf die umgangssprachliche Anmutung, die im Original durch „Ach“ und „Ja“ zustande kommt, findet sich in der Übersetzung eine Entsprechung mit „Ah“ und „’Tis“ oder auch „O deary“.
Dass Brooks, um die Effekte des Origials auch in der Übersetzung zu erzeugen, dazu gezwungen ist, inhaltlich vom Ausgangstext abzuweichen, tut der Qualität der Übersetzung keinen Abbruch. Denn sämtliche Abweichungen sind so gewählt, dass sie in die Geschichte passen. Ob die Lausbuben nun Zwetschgen oder Quitten („quinces“) stehlen, spielt im Zusammenhang überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist der gute Gesamteindruck, der sich aus dem sehr wirkungsvollen Zusammenspiel von Stilmitteln und Inhalt ergibt. Charles Brooks’ Übersetzung ist wirklich hervorragend.